Montag, 7. November 2011

Keine Probleme fuer die Fahrschule

Und es naeherte sich das Datum, an dem der Sohn 16 Jahre alt werden wuerde. Der Sohn aber ging in die 9te Klasse, an deren Ende einen Pruefung stand. Und die Pruefung wuerde ueber den weiteren Schulverlauf (Universitaet!) entscheiden. Und der Sohn war in der Pubertaet. Und die Schule war nicht oberste Prioritaet des Sohnes. Und der Vater verzweifelte.

Nein, ich verfasse hier nicht die Geschichte meiner Familie oder die Geschichte fast aller meiner befreundeten Vaeter. Dies ist vielmehr der Auftakt einer Begebenheit hier aus Kambodscha. Und ist es nicht verblueffend, wie sehr sich solche Elternsorgen ueberall auf der Welt gleichen?

Auch die Loesung, die der Vater (mein Chef Kim Heng) im Auge hatte ist charmant bekannt: er versprach seinem Sohn ein Mofa zum 16ten Geburtstag, wenn er bis zum Ende der 9ten Klasse die Schule durchziehen wuerde. Und erfreulicherweise war der Sohn am Ende der 9ten Klasse noch in der Schule und sollte also ein Mofa erhalten. Mein Chef Kim Heng ist verkehrstechnisch in Deutschland sozialisiert.Er hatte also Vorstellungen , wie der Junge das Fahren lernen sollte. Im Juni diesen Jahres wurden die beiden daher bei einer Fahrschule vorstellig: einmal im Leben sollte der Junge lernen, dass es Verkehrsregeln gibt – auch wenn das im taeglichen Strassenverkehr von Phnom Penh nicht ersichtlich ist.

Mofafuererschein? KEIN PROBLEM, so die Fahrschule, der kostet 35 Dollar und wird sofort ausgestellt.

Nein Nein, so mein Chef, der Junge soll Unterricht erhalten, er soll es lernen. KEIN PROBLEM, so die Schule, der Vater koenne dem Jungen doch alles beibringen. Fuer den Mofaschein gibt es keinen Unterricht.

ABER, so mein Chef, einmal im Leben soll der Junge die Verkehrs-Regeln richtig lernen und deswegen richtigen Unterricht erhalten. KEIN PROBLEM, so die Schule, dann soll er einfach den Autofuehrerschein machen, der beinhhaltet dann auch gleich den Mofafuehrerschein.

ABER, so mein Chef, der Junge sei doch noch keine 18 Jahre. KEIN PROBLEM, so die Schule, der Sohn soll einfach ein Passbild vorbeibringen, auf dem er aelter ausschaut und den Rest regeln sie dann. Der Unterricht fuer den Auto-Fuehrerschein kostet 65 Dollar, das beinhaltet 7 Fahrstunden und soviel Theorie-Unterrichtsstunden, wie der Sohn haben moechte.

Es wurde also ein Passfoto geschossen, fuer das der Sohn mit Anzugsjacke, Schlips und Brille ausstaffiert wurde. Die 7 Fahrstunden wurden gegeben und ein Pruefungstermin anberaumt. Es wurde dem Sohn geraten, die Fahrpruefung auf dem Land abzulegen, dort sei es billiger und einfacher. Die Pruefung wuerde 100 Dollar kosten. Allerdings sei fuer 100 Dollar aber nicht sicher, dass der Sohn die Pruefung auch wirklich bestehen wuerde. Fuer 130 Dollar jedoch gaebe es dann die Garantie, dass der Junge auch wirklich besteht...

Der Vater zahlte also die 130 Dollar Gebuehr, der Sohn legte die Pruefung erfolgreich ab und faehrt nun seit wenigen Monaten in Phnom Penh Motorad. Ein Kopie des offiziell gefaelschten Autofuehrerscheins hat er immer dabei – auf einer Kopie sei das “Wunsch-Geburstdatum” fuer die Polizei nicht so einfach zu ersehen wie auf dem Original. Und offensichtlich reicht der Polizei hier vor Ort bei Kontrolle eine Kopie des Ausweises.

Mein Chef Kim Heng erzaehlt die Geschichte, wie er seinem Sohn Verkehrs-Unterricht fuer das Mofa zukommen lassen wollte, mit einem Lachen im Gesicht. Das Lachen jedoch verliert sich, wenn er dann abschliesst mit dem Vergleich, wie er damals seinen Fuehrerschein erhielt. Den erhielt er naemlich noch ohne Zahlung von 130 Dollar Bestechungsgeld.

Als er 1997 frisch aus Deutschland nach Kambodscha zurueck kam, brachte ihm sein Freund hier in Phnom Penhs Umgebung das Autofahren bei. Dann ging Kim Heng zur Fahrschule und bezahlte fuer 4 Unterrichtsstunden. Zur Theorie bekam er ein Buch, er solle die Fragen der theoretischen Pruefung auswendig lernen. Und er sei ja in Europa gewesen und daher sei die Pruefung fuer ihn ja KEIN PROBLEM, er wuerde sowieso bestehen. Am Tag der Pruefung fuhr er mit seinem eigenen, zwischenzeitlich gekauften Auto vor.

Die Pruefung wurde im Verkehrsmininsterium abgehalten. Die Theoriefragen war tatsaechlich kein Problem. Das Problem zeigte sich erst zu Beginn der praktischen Pruefung: das Pruefungsauto war mit einer Gangschaltung ausgelegt. Bisher war Kim Heng nur mit Automatikgetriebe gefahren. Aber – KEIN PROBLEM - so der Fahrlehrer. Er wuerde Kim Heng kurz zeigen wie das geht. Das wuerde nur 3 Minuten dauern, und er wuerde auch nur einen Gang brauchen fuer die Pruefung. Und genauso kam es auch. Vor Beginn der Pruefung wurde Kim Heng kurz der erste Gang samt Bedienung der Kupplung vorgefuehrt. Er fuhr dann im ersten Gang den Fahrlehrer einmal um das Gebaeude und er bekam seinen Fuehrerschein. Und das ganz ohne Bestechung.

Kim Heng macht an der Geschichte fest, wie in den letzten Jahren die Korruption im Lande zugenommen. Ich finde sie erklaert viel anschaulicher, wie der Strassenverkehr hier funktoniert: fuer 35 Dollar ist man dabei auf der weltgroessten Kart-Bahn. Yippie!

Aus Alltagsschnipsel


Aus Alltagsschnipsel

Donnerstag, 3. November 2011

Gut Angelegt

Wir haben es vor unserer Reise immer wieder gehoert: "Bargeld in Phnom Penh? kein Problem. kein Problem !! Es git an jeder Ecke ATM-Maschinen, wo ihr mit Eurer Karte Geld ziehen koennt. (an jeder Ecke !!). Traveller-Checkes? Braucht Ihr nicht – kennen die Banken fast gar nicht mehr, braucht ihr nicht, es gibt ja an jeder Ecke ATM Maschinen."

Aha.

Es stimmt: es git an jeder Ecke ATM-Maschinen. Viele (naja, einige) davon haben auch das benoetigte Maestro-Zeichen an ihrer Tuer. Welches Zeichen das ist lernt man schon nach wenigen malen, an denen man mit zitternden Haenden seine kleine unschuldige Karte in den Rachen der grossen fremdlaendischen Automaten gesteck hat, Blut und Wasser schwitzend. Da fuer Kredit- und EC-Karte jeweils mindestens 3 Optionen zum Geldabheben angeboten werden durften wir in Summe erklecklich viele Situationen erleben, bei denen wir zittern vor einem Automaten standen in der Hoffnung, unsere Karte wieder zu sehen.

Und wie wir inzwischen auch wissen: ja es kann schief gehen. Dann kommt die Karte wieder aus dem Automaten raus (hurra) mit der Anzeige “Transaktion kann nicht durchgefuehrt werden” (Menno. Ein Tag spaeter (!) wird das Geld bei mir auf dem Konto in Deutschland abgebucht.

***Schnappatmung in Phnom Penh****

Hat sich aber alles wieder geregelt (nach einer schlaflosen Nacht). Die unerfindlichen Wege der globalen Finanzstroeme brauchten zwar fuer den Rueckweg 7 mal so lange wie fuer den Hinweg (widrige Winde auf den Weltmeeren?) und ich (ICH) zahle eine Gebuehr (GEBUEHR!) fuer die Rueckueberweisung - aber hej, mach ich doch gerne, dafuer dass wir es ueberhaupt wieder hinbekommen habe.

Wir konstatieren: das Bankwesen in Kambodscha funktioniert. Die Gebaeude der Banken in Phnom Penh sind mit Glasfronten und vielen Stockwerken ausgestattet – die Gebuehren verzweifelter Touristen sind gut angelegt.

Noch haltbarer angelegt wird unser Geld dieser Tage uebrigens in Hueftgold. Wir haben die in Fett ausgebackenen Krapfen entdeckt. Das sind koestliche Teigfladen (wahlweise leicht suess oder salzig) die direkt am Strassenrand zubereitet werden. Der Verkaufer steht also bei Gluthitze vor einem Kohlebecken mit Glut und Hitze und backt Brandteig aus. Die gibt es dann warm, fettig und triefend und unglaublich lecker auf die Hand.

Damit ist es amtlich und endgueltig: kann uns bitte jemand zu Hause fuer die RTL-Show “Bibi und Rolli nehmen ab” anmelden? Danke.


Phnom Penh hat auch eine Prachtstrasse - nicht dass der Eindruck zu Hause entsteht, hier sei es ueberall nur eng, quirlig und wuselig. Mitnichten!

Aus Alltagsschnipsel

Und hier ist das Sportstudio vieler Phnom Penh'er. Die treffen sich bei Daemmerung auf oeffentlichen Plaetzen und hopsen einem Vorturner hinterher. Der Vorturner hat ein paar Lautsprecher oder auch nur einen Ghetto-Blaster vor sich positioniert und gibt die Ansagen, wie oft noch nach rechts oder links geschwenkt werden soll. Die Mitturnenden sind angenehm alltagstauglich. Aus allen Altersschichten sind Leute dabei, in Alltagsklamotten und mit ganz unterschiedliche Ehrgeiz. Von sportlich schwitzend bis laechelnd Arme schwenken ist alles dabei. Sehr nett!

Aus Alltagsschnipsel

Hier die Turner im Olympia Stadium der Stadt, die natuerlich noch nie Olympia beheimatet hat.

Ich wurde wirklich gerne mitturnen - wirklich, aber am Stand hinter den Turnern gibt's Fettgebaeck - was soll ich machen ..?

Aus Alltagsschnipsel

Montag, 31. Oktober 2011

Humorlos

Budda sagt: wer in diesem Leben fremdgeht, muss im naechsten Leben auf so einen Baum klettern.
Aus 1. November 2011
Wir sagen: Budda hat keinen Humor

Wir waren am Wochenende in Mondulkiri, einer abgelegenen Bergregion im Osten von Kambodscha. Fuer die 350 KM Strecke waren wir (mit 3 kurzen Pausen) 9 Stunden unterwegs - die Strassen warten noch auf ihr europaeisches Qualitaetszertifikat. Vor Ort wurden mit dem Anblick einer der schoensten Polizeistationen ueberhaupt belohnt:

Aus 1. November 2011

Wir besuchten Wasserfaelle und sahen voller Interesse, wie eine Ausflugs-Schenke in Kambodscha ausschaut:

Aus 1. November 2011


Wir setzten uns auf einen Elefanten und liessen uns durchschaukeln. (Ein Elefanten-Ritt ist hier genauso alltaeglich und normal wie bei uns zu Hause in Barmbek. Soll heissen gar nicht und wird letztendlich nur angeboten fuer zahlungswillige Touristen.)

Aus 1. November 2011

Wir unternahmen einen kurzen Ausflug ins Gruene und fuerchteten weder Schlangen noch Tiger:
Aus 1. November 2011

Mondulkiri ist uebrigens Malariagebiet. Das kostete den geliebten Hypochonder an meiner Seite einige Nerven und wie er sagte schlaflose Naechte. Das sieht dann so aus:

Aus Mondulkiri
Verrueckt
(Er)
(Nicht ich)

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Es wird abgeschlossen

"Und wahrend wir immer mehr ankommen verabschiedet sich die Regenzeit. Der letzte Regenguss ist schon 5 Tage her"

Kaum hatte ich es geschrieben setzte der Guss auch schon ein:


Ich finde das ja ein bisschen kleinlich vom Wetter-Macher...

Gestern Abend waren wir im Kino. Von unserem letzten Kinobesuch wussten wir, dass wir frueh gehen muessen. Letztes mal war der Film war um 21 Uhr zu Ende und glich damit einer Mitternachtsshow. Nach Filmende zeigten uns ein paar muede Putzkraefte den Hinterausgang der Einkaufs-Mall. Laeden und Restaurants waren schon geschlossen. Auf der leeren Strasse fanden wir mit Muehe ein Tuk Tuk, unsere Hauswirte waren entsetzt, dass wir so spaet noch unterwegs waren. In den touristischen Ecken der Stadt moegen die Bars und Discos noch im vollen Betrieb sein, im normalen Alltagsleben der Kambodschaner aber werden die Buergersteige um 8 Uhr zugeklappt. Sollten Stephan und ich dann noch unterwegs sein werden wir mehrfach darauf angesprochen, auch wirklich (wirklich!) auf uns aufzupassen. Ob dieser Warnungen erwarteten wir in europaeischem Geiste schreckliche Berichte in den Zeitungen von der Jungend- und Bandenkriminalitaet. Aber alles was wir finden sind Berichte von Handtaschendieben, die gestern auf dem Markt einer Besucherin die Tasche entrissen. Der Dieb wurde von der Polizei gefasst und sitzt in Gewahr. Wir haben noch nichts von organisierter Grosstadt-Kriminalitaet oder marodierenden Banden gelesen oder gehoert.

Das passt fuer uns nicht recht zusammen. Wenn die Hitze nachlaesst und ein lauer Wind geht wird es richtig schoen. Muesste nicht das Leben auf der Strasse dann anfangen, so wie in Europa in den Mittelmeerlaendern? Die einzige Erklaerung die wir uns dafuer zurecht legen koennen liegt in der Geschichte des Landes . Bis in die spaeten 90’er Jahre (!) wurden in Kambodscha noch immer Kinder und Jugendliche verschleppt und von den roten Khmer instrumentalisiert. Alle Erwachsenen in unserem Alter sind im Buergerkrieg gross geworden: Der Friedensvertrag zwischen den verfeindeten Parteien innerhalb Kambodschas feiert dieser Tage sein 20 jaehriges Jubilaeum. Und dieser Vertrag war erst der Beginn fuer den dann startenden Friedensprozess innerhalb des Landes.

Und dann ergibt es einen Sinn, wenn wir die Strasse entlang laufen und an den Haeusern die fest eingegitterten Fenster sehen. Einzelstehende Haeuser in der Stadt haben alle eine hohe Mauer um sich gezogen, gerne mit Nato-Draht abgesichert. Normale Stadthauser sind mit Gittern vor Tueren und Fenstern ausgestattet. Und in unserer Strasse ist man ab acht Uhr Abends zu Hause – zumindest aber in Sichtnaehe der Familie. Und es bleibt immer jemand im Haus. Auch bei Urlaubsfahrten der Familie bleibt mindestens ein Mitglied zu Hause. Weder Stephan und ich noch Nora aus dem Nachbarhaus haben Schluessel fuer unsere Haustueren (also Haus-Gitter) erhalten. Es ist ja eh immer jemand da, der uns aufmacht. Wenn wir lange unterwegs sind, sollen wir Bescheid geben. Aber lange unterwegs sein ist eh ungewohnt. ... .. . Womit sich der Kreis zum Kinoabend wieder schliesst: wir sind gestern also in die Frueh-Vorstellung gegangen, die um acht Uhr zu Ende war. Zu Hause wurden wir an der Tuer (also am Gitter) erwartet, es wurde offensichtlich schon Ausschau gehalten, hinter uns wurde abgeschlossen.

Eine typische Wohnstrasse in der Stadt sieht also wie folgt aus.
Eine typische Wohnstrasse in der Stadt

Erst nach ein paar Wochen fiel mir auf: die Gitter und Tueren haben allesamt keine Klinken. Es gibt an den Gittern lediglich Haken und Oesen, um Schloesser einzuhaengen. Die Zimmertueren in den Hauesern haben diese Drehknaeufe, wie sie es sie auch in England (?) und USA gibt.
Aus Alltagsschnipsel


Die vergitterten Vorraeumen sind unterschiedlichst genutzt. Von Stauraum bis Garage, verlaengertes Wohnzimmer oder kleiner Verkaufsraum fuer Alltagsbedarf ist alles moeglich.
Aus Alltagsschnipsel

Mittwoch, 26. Oktober 2011

Halbzeit

Wir sind seit 7 Wochen in Phnom Penh. Es ist nicht mehr alles neu und fremd und erstaunlich. Es ist vielmehr so, dass wir inzwischen unseren kleinen Alltag organisiert haben und den auch im Griff haben. Wir wissen, wo in der Stadt das leckere Graubrot nach deutschem Rezept gebacken wird und wir kennen die Ecke, wo Zeitungen verkauft werden. Stephan organisiert den Haushalt, er kennt die Bankautomaten und deren Tuecken und geht einkaufen. Ich kuemmer mich um das Grosse Ganze und den Weltfrieden.

Und wahrend wir immer mehr ankommen verabschiedet sich die Regenzeit. Der letzte Regenguss ist schon 5 Tage her, seit einer Woche scheint morgens sogar die Sonne. Tagsueber weht ein heisser Wind der zwar keine Abkuehlung bringt, der aber die stehende Hitze angenehm durchwirbelt. In unserem Schlafzimmer haben wir die Klimaanlage auf 26 Grad eingestellt. Wenn wir abends von der Terrasse ins Schlafzimmer kommen erscheint uns der Raum so kalt, dass wir hinter unserem Bett Ausschau nach kleinen Pinguinen halten.

Unveraendert ist das Verkehrs-Chaoos in der Stadt. Neu ist nur, dass ich inzwischen aktiv im Chaos mitmische. Mit einem YIPPIE-Ruf auf den Lippen schwinge ich mich auf mein Fahrrad und kaempfe vor und auf den Kreuzungen um jeden Zentimeter. Die zwei einzigen Verkehrsregeln habe ich gelernt:

(1) Gross hat Vorfahrt
Gelaendewagen also haben ob ihrer schieren Groesse Vorfahrt. Wenn sie sich die SUVs langsam in die Kreuzung schieben weichen die Autos aus. Die Mofas weichen den Autos aus und die Fahrradfahrer umfahren die Mofas. Fussgaenger? Denen gnade Gott.

Ausnahme dieser Regel ist Stephan. Wenn Stephan mit seinen 1,83 Metern, Bart, Ohrringen und Schlapphut die Strasse quert haelt der Verkehr an. Maenner am Lenkrad halten mit offenem Mund Abstand vor der Erscheinung, Frauen und Kinder drehen sich um und erstarren.

(2) Masse macht Macht
Ein einzelnes Mofa hat hier keine Moglichkeit ueber die Kreuzung zu kommen. (Siehe Regel 1) Aber 20 Mofas zusammen ergeben eine kreuzungsfaehige Strassen-Macht. Und so warten einzelne Mofas zunaechst am Kreuzungspunkt. Jedes dazukommende Mofa schiebt sich rechts der links an den Wartenden vorbei und draengelt sich ein paar Zentimeter weiter nach vorne. Und wie eine zaehfluessige Masse schiebt sich dann eine Armada von Mofas langsam in die Kreuzung. Rechts und links stauen sich neue Autos und Mofas. Wenn sich genug Masse gesammelt hat, schiebt sich von dort wieder langsam ein zaeher Fluss Mofas und Autos in die Kreuzung.



Noch eine Ausnahme der Regel: Grosses Fahrzeug, kleine Strassen-Macht

Viele Leute auf einem Mofa erhoeht ebenfalls die Kreuzungs-Quote

Als Fahrradfahrerin fahre ich also gerne im Pulk mit 30 anderen Mofas ueber die Strassen. Dabei gilt es jeden Zentimeter auszunutzen um irgendwie nach vorne zu kommen. Abstaende muessen nicht eingehalten werden, Fussgaengerwege sind fuer Autos gesperrt – fuer alle anderen Fahrzeuge aber willkommene Fahrbahn. Es ist grossartig! Und da kann Hamburg noch von lernen. Ich erwaege, ab Januar in der Hansestadt diesbezueglich aktiv Hilfezu leisten und Kulturtransfer zu vollbringen.

Auch bezueglich Transportfaehigkeit und Ausnutzung moeglicher Stauraumkapazitaeten koennen wir noch lernen:
Aus Alltagsschnipsel

Aus Alltagsschnipsel

Ein mich ebenfalls immer wieder entzueckender Anblick sind die eingeruesteten Gebaeude. Es wird mit Bambus gearbeitet...
Aus Alltagsschnipsel
Aus Alltagsschnipsel

Mofas sind ueberall. Auf den Markt gehen heisst hier auch auf den Markt fahren:
Aus Alltagsschnipsel
Und natuerlich dort auch einzukaufen:
Aus Alltagsschnipsel

Und ansonsten? Ist hier Alltag. Stephan musste tiefer in die Alltagskultur eintauchen, als ihm lieb war:
Aus Alltagsschnipsel
Und ich gebe zusammen mit der Tochter unserer Vermieter die Vorlage fuer den Zahnarzt: soviel Lachen muss es mindestens wieder werden!

Aus Alltagsschnipsel

Freitag, 21. Oktober 2011

27 %

Zwei weitere Mitarbeiter sind im Buero angekommen und Bueroschreibtische sowie Arbeitsplatzrechner werden knapp. Ich habe mir also kurzentschlossen ein kleines Nebook gekauft, um tagsueber am Schreibtisch voll einsatzfaehig zu sein und des Abends auf der Terrasse meine Hochleistungsarbeit zu Ende fuehren zu koennen:


Drei Monate Lebensarbeitszeit-Urlaub auf einer tropischen Terrasse fuer eine 27%’er Erfolgsquote bei Spider Solitair mit 4 Farben sind keinesfalls fehl eingesetzt. NIEMALS! Glaub ich zumindest nicht. Meistens zumindest nicht. Und jesses, war es heute wieder heiss.

Fuer die Kenner der Materie sei gesagt: es ist ein Acer Aspire One D257, mit CPU N570 (1,66 GHz, 1MB L2 cache), 2 GB DD3 Memory, 3320 GB HDD Storage und kostete 295 Dollar (ca 230 Euro). Die Verkaufsargumente fuer mich waren: er hat Tastatur, Bildschirm, das besagte Spider-Solitair Spiel und er ist niedlich Dunkelrot.

Jetzt aber das eigentlich berichtenswerte: das Kerlchen laeuft auf der Vollversion (!) von Windows 7 und hat eine Vollversionen (!!) des Windows Office 2010 aufgespielt. Beim Kauf des Rechners wurde mir eine lange Liste mit Software-Namen vorgelegt und ich durfte mir auswaehlen, was mir auf den Rechner installiert werden sollte. Welche Versionen von Windows und Office soll’s denn sein, welche Player, Dictionairies, whatevers sollen zussaetzlich drauf kommen? Ich soll einfach die Kreuze an den gewuenschten Programmen setzen und in 4 Stunden kann ich dann den fertig installierten Rechner abholen.

Ich muss etwas irritiert geschaut haben denn ich wurde beruhigt: ich solle einfach sagen was ich will, es wuerde nichts kosten, ich wueder halt fuer die Software keine Lizenz kaufen, koenne also nichts updaten – aber das wuerde der Laden dann als Service-Leistung kuenftig fur mich uebernehmen.

Seitdem raetseln Stephan und ich, ob das nun lediglich rechtliche Grauzone ist, im Land egal und ab Landesgrenze aber furchtbar illegal ist? Waehrend wir die Diskussion fuehren lege ich meinen original 4 Dollar Piaggio-Mofahelm zur Seite und wir holen unsere 5$-Nike-TShirts von der Leine und falten meine 4$-Chanel-Leibchen. Von weitem hoeren wir die Produktmanager von Microsoft leise weinen.

Sonntag, 16. Oktober 2011

Land unter

Ich hatte ja damit gerechnet, dass jeden Tag punkt 14 Uhr der Monsunregen darniederkommt. Oder auch jeden Tag punkt 12 Uhr und 18 Uhr - das ist dann noch symmetrischer und fernostasiatisch geheimnisvoller. So zumindest meinte ich es in den Reisefuehrern gelesen zu haben. Ja – ich bestehe darauf – im Reisefuehrer steht „jeden Tag" und es klingt eine feste Uhrzeit mit an.

So. Wieder nix mit fernostasiatisch geheimnisvoll. Im Gegenteil - europaeisch bodenstaendig regnete es hier die letzten Wochen mal ein paar Tage gar nicht, dann kommt ein heftiger Schauer oder auch mal ein anhaltender Regen. Wann und wieviel Regen faellt ist hier grundsaetzlich genauso Smalltalk-Thema wie bei uns zu Hause im Fahrstuhl.

Allerdings ist der Regen inzwischen nicht mehr Smalltalk-Thema sondern Gegenstand dringlichster Notstands-Gespraeche. Das Land geht derzeit wortwoertlich unter. Die Wasserstaende steigen, die Reisfelder vergammeln und die Kuehe stehen in Zeltlagern an den Strassen.

In der Stadtt Phnom Penh selber bekommen wir von der dramatischen Situation wenig mit. Es regnet halt ab und an. Ok - dann regnet es sehr sehr heftig. Dann stehen die Strassen unter Wasser und an manchen Strassenecken sammeln sich ganze Seen. Aber - Stichwort fernasiatisch geheimnisvoll - muss das nicht so sein? Als unser Chef das erste mal stoehnte, wo nur das ganze Wasser herkomme war ich irritiert: es ist Monsun-Zeit, sollte ich ihm das jetzt etwa erklaeren muessen?

Es zeigte sich, dass mir erklaert werden musste, dass die derzeitigen Zustaende weder normal noch geheimnisvoll sind. Es regnet dieser Wochen mehr und heftiger als sonst. Und auch die landschaftsfuellenden Seen, die sich von den (hoehergelegten) Strassen rechts und links bis fast zum Horizont ausdehnen sind nicht jahrszeitlich monsun-typisch. Als unbeleckte Touristin habe ich das ganze Wasser gesehen und noch gedacht, wie schoen das ausschaut: all das Wasser mit ab und an herausragenden Palmen und kleinen Baum-Oasen. Das schreibt auch mein toller Reisefuehrer, aus dem ich bereits unschaetzbar viele Hinweise auf das echte Leben in Kambodscha erhalten habe. (Und der bei den echt Lebenden in Kambodscha zu unzweifelhaft viel Staunen oder wahlweise Gelaechter fuehren wuerde, koennten sie ihn lesen). Mein toller Reisefuehrer schreibt naemlich davon, wie schoen das Land zur Monsunzeit ausschaut, wenn alles gruen ist und unter Wasser steht. Die Seen bis zum Horizont habe ich also unter „oh wie huebsch zur Monsunzeit“ verbucht.

Inzwischen sehe ich, dass sich die herausragenden Baum-Oasen gelb verfaerben und absterben. Und ich weiss, dass die Reisfelder zwar unter Wasser stehen muessten – aber die Reispflanzen selber aus dem Wasser herausragen muessen. See bis zum Horizont heisst also, dass unter dem Wasser Reispflanzen stehen, die alle schon nach drei Tagen ohne Sauerstoff gestorben sind. Im ganzen Land sind bereits knapp 400 Menschen im Hochwasser gestorben, die Auswirkungen der womoeglich kommenden Seuchen werden gefuerchtet.

Und es ist kein Ende in Sicht: das derzeit in Thailand und Laos herrschende Hochwasser wird Richtung Kambodscha abfliessen und die Notlage hier im Land sogar verlaengern.

Wir im dritten Stock unseres kleinen Gluecks sind davon unberuehrt. Und waere nicht die Notsituation im Lande muesste ich schreiben, dass wir uns auf jeden Regen freuen. Denn mit dem Regen kommt Wind, es folgen spektakulaere Blitze am Himmel und etwas Abkuehlung fuer kurze Zeit. Und die saftig gruenen Reisfeldern dort, wo die Katastrophe nicht angelandet ist, sind wirklich wunderhuebsch. Das heisst dass ich trotz der diesjaehrigen Flutkatastrophe eine Reise waehrend der Monsunzeit sogar empfehlen kann.

Und keinesfalls will ich sagen, dass jede Katastrophe auch seine guten Seiten hat. Aber vielleicht kann ich an dieser Stelle anmerken, dass sich derzeit voellig neue Karrierechancen auftun. In Thailand sind Unmengen von Krokodilfarmen ueberflutet worden. Aufgrund mangelhafter Hochwasser-Sicherheitsvorkehrungen sind unzaehlige Viecher mit dem steigenden Wasser freigekommen. Die Krokodilfarmen haben Kopfgeld fuer ihre entlaufenen Tiere ausgesetzt. Naja, soll heissen: die offiziellen Farmen (die die Steuern zahlen und registriert sind) haben Kopfgelder ausgesetzt fuer lebendig zurueckgebrachte Tiere. Die anderen Farmen, die jetzt lieber nicht offiziell vorstellig werden, halten still und warten ab. Das soll im uebrigen die Bevoelkerung auch tun. Wenn jemande im Wasser auf der Hauptstrasse ein paar Krokodile sieht, soll er oder sie ganz ruhig bleiben. Es seien junge Tiere, denn nur deren Haut und Fleisch ist verwertbar fuer Taschen und Steaks.Und die lieben Tierchen seien wahrscheinlich eher verunsichert als gefaehrlich, haben sie doch noch nie in ihrem Leben selber fuer ihr Mittagessen sorgen muessen.

Wir im dritten Stock halten Ausschau und geben unverzueglich die erste Krokodilsichtung bekannt.

Bis dahin ist jedermann (und jedefrau) aufgerufen nach Thailand zu reisen und sein Glueck beim Krokodilfang zu machen!


Aus Monsun
Wenn es regent dann schuettet es.

Aus Monsun
Nur ein kleiner See - da geht noch mehr!

Aus Monsun
Der Mekong ist weit ueber sien Ufer herausgetreten

Aus Monsun
Haueser stehen unter Wasser.

Aus Monsun
Dort wo das Land nicht unter Wasser steht ist es einfach nur saftig gruen und wunderschoen


Mal zum Vergleich: Ein Foto im Mai 2011 vom Chef aufgenommen
Aus Monsun

Da reisen wir doch lieber im Oktober:
Aus Monsun